Ökonomie für Menschen

Natürlich ist Kapitalismus nicht allein verantwortlich für alle Übel dieser Welt. Doch so lange dieses System die Weltgesellschaft in bitter Arme und Superreiche spaltet, so lange es prinzipiell anti-ökologisch ist, so lange er immer wieder Kriege um Ressourcen und Absatzmärkte entfacht, so lange wird sich auch keines der vielen anderen Probleme des 21. Jahrhunderts lösen lassen. Kapitalismus ist hochgezüchtet und gleichzeitig veraltet wie der Verbrennungsmotor. Doch er richtet weit mehr Schaden an.

Problemorientierte Analyse anstatt Schablonendenken

Kaum nachvollziehbar ist, wie viele gebildete Menschen dem Dogma anhängen, Kapitalismus sei alternativlos. Natürlich gibt es kein fertiges Gegenmodell, mit dem irgend jemand über Nacht eine bessere Welt zaubern könnte. Auch ist nicht „alles schlecht“ im Kapitalismus. Vielmehr geht es um das Erkennen zentraler Probleme und um den unvoreingenommenen – tabufreien – Versuch Lösungsstrategien zu entwickeln. Dieser Umbau ist ein Generationenprojekt – doch die zentralen Fragen liegen hier und heute auf der Hand. Auch könnten die ersten Maßnahmen konkret angegangen werden.

Hier drei Lösungsansätze für fundamentale, offensichtliche Probleme.

Probleme und Lösungen

Problem 1: Der Faktor Gier wird nicht vom Faktor Eigennutz unterschieden. Gesunder Eigennutz ist eine wichtige ökonomische Triebfeder; Gier hingegen ist eine blinde, zerstörerische Kraft. So lange Gier als Motivation für ökonomisches Handeln als legitim gilt (und von vielen Protagonisten gar als nützlich angesehen wird), wird es ein „kannibalistisches System“ (Jean Ziegler) bleiben. Man kann das Problem aber auch konkreter benennen: es ist die Aussicht auf grenzenlosen Reichtum, die Gier schürt. Für 100 EUR in der Ladenkasse lohnt sich kein Raubüberfall, für die Million im Geldtransporter sogar einer mit schweren Waffen. Eine prinzipielle Begrenzung privater Vermögen sowie eine leistungsgerechte (und leistungsfördernde) Einkommensangleichung würde dem Faktor Gier in der Wirtschaft seine Spitze nehmen.
Abgesehen davon gibt es natürlich viele weitere Argumente, die für eine solche Maßnahme sprechen würden: Armutsbekämpfung, stabilere Finanzmärkte, Konjunkturbelebung. Doch was ist mit den riesigen Privatvermögen, die in Unternehmensbeteiligungen stecken? Siehe nächster Punkt.

Problem 2: Wirtschaftseliten sind übermächtig. Mit weitreichenden ökonomischen Entscheidungen bestimmen sie über das Schicksal unzähliger Menschen. Mit technologischen Innovationen prägen sie ohne gesellschaftlichen Auftrag den Fortschritt der gesamten Menschheit. Gleichzeitig üben sie massiven Einfluss auf Politik und Gesellschaft aus. Die Politik übt sich im Katz-und-Maus-Spiel, wobei längst nicht mehr klar ist, wer Katze und wer Maus ist. In Wirklichkeit hat die Politik die Kontrolle in vielen Bereichen längst verloren. Mit massiver Lobbyarbeit, die aus grenzenlosen Ressourcen schöpfen kann und die Grenze zur Korruption oft erreicht oder überschreitet, üben Wirtschaftsunernehmen wachsenden Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen aus. Was bleibt da noch von Demokratie?

Anstatt immer nur per Gesetz die Auswüchse der Gier im Nachhinein zu bekämpfen, sollte ökonomische Machtkonzentration von vornherein vermieden bzw. aufgelöst werden. Wir brauchen eine Entflechtung von Konzernstrukturen (eine heute geradezu naiv anmutende Forderung führender deutscher Nachkriegspolitiker!), zudem weit reichende Beteilungs- und Mitbestimmungsmodelle in Unternehmen, mit anderen Worten eine Demokratisierung der Wirtschaft. Überregionale Unternehmen der Grundversorgung (Bahn, Post) werden wieder unter staatliche Kontrolle gestellt – die Gesellschaft soll bestimmen, um beim Beispiel zu bleiben, ob Filialen geschlossen werden und ob hinter dem Postschalter nur noch ein Roboter sitzt!). Schlüsselindustrien wie Rohstoffförderung können kommunal als non-Profitunterunehmen betrieben werden.

Problem 3: Beim Thema Globalisierung wird im öffentlichen Diskurs nicht differenziert. Wenn die Gesellschaften und Kulturen der Welt sich annähern und austauschen, ist dies eine großartige Entwicklung. Wenn jedoch Ökonomie, die unsern Alltag, unsere Lebensqualität und -sicherheit, mehr als alles andere prägt, völlig entwurzelt wird, aus ihrer geographischen, kulturellen, ökologischen und sozialen Umwelt herausgelöst, so führt dies zu vielerlei Verwerfungen und Problemen, die heute auch weithin diskutiert werden: Abhängigkeiten, Krisen und Instabilität, Verödung ländlicher Regionen u.v.m.

Es gibt gute Gründe, warum Ökonomie auf ihre gesellschaftlichen und ökologischen Wurzeln zurückgeführt werden sollte. Das Kernelement ist dabei der Aufbau ökosozial angepasster, in den Regionen wurzelnder Wirtschaftsstrukturen. Denn ein großer Bereich des Wirtschaftslebens wird eben nicht durch Hochtechnologie und Großindustrie geprägt und könnte sehr realistisch in naher Zukunft in kleinere Zusammenhänge verlagert werden. Durch eine Vielzahl kleiner, autonomer Wirtschaftskreisläufe besonders im Bereich der Grundversorgung könnte eine solide, humane ökonomische Basis entstehen. Eckpunkte sind dabei das Anstreben einer dezentralen autonomen Energieversorgung sowie nachhaltige Produktion und Konsum eines Großteils unserer Alltagsgüter. Auf einer solchen Basis können die anderen Zweige der Ökonomie gedeihen (bsd. Technologie), die auch weiterhin im globalen Rahmen kooperieren und konkurrieren sollen.

Die verstärkte Entwicklung des regionalen Wertschöpfungspotentials kann hier und heute beginnen. Der entscheidende Aspekt dabei ist eine direkte Einbeziehung und Mobilisierung der Bevölkerung. Wie wirksam allein finanzielle Förderung hier sein kann, konnte man an der Entstehung vieler kleiner Energiegenossenschaften in den letzten Jahrzehnten in ganz Deutschland beobachten.

Fazit

Die hier beschriebenen Lösungsansätze würden nichts anderes bedeuten, als einige heilige Kühe des Kapitalismus aus dem Dorf zu treiben. Insbesondere über privates und gesellschaftliches Eigentum wird zu reden sein. Haben wir eine Wahl? Ein Weiter-wie-bisher bedeutet wahrscheinlich das Ende dieser Zivilisation, wenn nicht heute, dann in nicht allzu ferner Zukunft.