Prinzip 4: Feinabstimmung und Prioritätensetzung

„Die grobstofflichen, feinstofflichen und kausalen Nutzungen sollen angemessen harmonieren.“


Gesellschaftliche Entscheidungsprozesse sind selten konfliktfrei. Was sich in einem Bereich vorteilhaft auswirkt, wirft oft auf einer anderen Seite seine Schatten. Will etwa eine Gemeinde ihr Bebauungsland erweitern, geht dies auf Kosten der Natur. Eine Verkürzung der Arbeitszeiten bedeutet zwar mehr Zeit für Persönliches, aber auch Einkommensverzicht. Wie lange kann ein Produkt recycelt werden – stehen Aufwand und Erfolg in einem vernünftigen Verhältnis? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Prioritäten setzen

Auch als Individuen müssen wir lernen Prioritäten zu setzen. Albert Einstein war ein guter Violinespieler, doch seine Priorität war die Physik, und diese zu seinem Beruf zu machen war sicher eine gute Entscheidung. So wie im persönlichen Bereich bisweilen sehr unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten nach einem sinnvollen Ausgleich verlangen, gilt dies erst recht in der Gesellschaft. Hier trifft eine Vielzahl oft konträrer Interessen aufeinander. Welche Maßstäbe sollen gelten, wenn das eine fast immer auf Kosten des anderen geht? Hier müssen fundamentale Prioritäten geklärt und auf die jeweiligen Umstände angewendet werden – eine immer wieder schwierige Aufgabe.

Die Richtung ist entscheidend

Jeder gesellschaftspolitischen Entscheidung liegen bewusste oder unbewusste Prioritäten zugrunde. Diese fallen gewöhnlich unter den Parteien eines Landes sehr unterschiedlich aus. Die „Konservativen“ freuen sich, wenn es „der Wirtschaft“ gut geht, die „Arbeiterpartei“ ist empört, weil die Löhne nicht gleichzeitig gestiegen sind. Was für die politische Streitkultur in mancherlei Hinsicht positiv ist, kann auch in Entscheidungsunfähigkeit und fehlende Kontinuität in der Regierungspolitik münden. Ein reiner Ideologiestreit (in der Parteien-Realität meist noch interessengesteuert) ist immer kontraproduktiv und kann den von Parteien beherrschten Parlamentarismus dramatisch lähmen.

In PROUT ist die harmonische Entwicklung der physischen, psychischen und spirituellen Bereiche Priorität. Ein Einkommenszuwachs bei Wenigverdienern wäre demnach ein Erfolg; bei Vielverdienern eher nicht, hier wäre vielmehr ein Gewinn an Freizeit ein Erfolg.

In einem PROUT-Szenario würden viele Entscheidungen über die sozio-ökonomische Entwicklung in einer dezentralen Struktur mit viel direkteren Abstimmungswegen getroffen. Hier würden Parteien ihre Meinungsdominanz verlieren und den Menschen würden manche ideologischen Streitigkeiten erspart bleiben.

Talentnutzung und Politik

In der Erläuterung zu diesem Prinzip trifft Sarkar außerdem die folgende grundsätzliche Aussage: Die Gesellschaft sollte Menschen primär auf dem Gebiet einsetzen bzw. ihnen Möglichkeiten eröffnen, wo sie persönlich das größte Talent zeigen. D.h. bspw. „Schicke einen Intellektuellen nicht zum Straßenbau“ (hier eine klare Abgrenzung zur egalitären kommunistischen Ideologie). Der größte gesellschaftliche Nutzen spirituell entwickelter Menschen ist laut Sarkar die Fähigkeit zu unparteiischem, nicht von egoistischen Interessen geleitetem Denken und Handeln. Diese Menschen nennt er Sadvipras und weist ihnen, ohne konkret zu werden, eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge zu: als Kontrollinstanz für das politische System sollen sie dieses überwachen, ggf. aufkeimende Korruption oder Machtmissbrauch verhindern oder korrigieren. Ähnliche Ansätze kennt das heutige bundesdeutsche System in Form des Verfassungsgerichts oder von Kontrollinstanzen wie Rechnungshöfe.