Mystik

„Mystik ist der niemals endende Versuch, die Verbindung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen zu entdecken.“
P.R.Sarkar

The Vitruvian Man

In allen großen Kulturen der Weltgeschichte und zu allen Zeiten spielten Vorstellungen über das Jenseits und die Götterwelt, mystische Rituale und Betrachtungen über Transzendenz eine mehr oder minder bedeutende Rolle. Alles nur Aberglaube, religiöse Verblendung, Flucht vor der Erkenntnis der Vergänglichkeit? Das aufklärerische Gedankengut der Neuzeit und der Siegeszug des wissenschaftlich-technischen Fortschritts räumten jedenfalls damit auf. Und zwar gründlich.


Anti-Religion – das herrschende materialistische Weltbild

Alles, was sich wissenschaftlich nicht erfassen und einordnen ließ, existierte auch nicht; und falls doch, würde irgendwann sicher einmal das Instrument erfunden werden, mit dem es sich nachweisen ließe. Überhaupt, jedes Phänomen sei letztlich instrumentell oder mathematisch nachweisbar. Geist, Gefühle, Gemütszustände und Gedanken seien zu 100% zurückzuführen auf neuronale, biochemische Prozesse im Menschen, somit in gewisser Weise eine Illusion.

Der Mensch wird damit quasi zum Roboter, zum genprogrammierten Organismus. Der sich plötzlich auch noch als Mensch fühlt – was für ein Witz, träum weiter, Erbsenhirn! Du bist und bleibst eine austauschbare Bio-Maschine! (Dieses Motiv wurde im Film „I, Robot“ eindrücklich und unterhaltsam verfilmt.)

Nun ist es nicht so, dass das schulwissenschaftliche Weltbild keine ungeklärten Widersprüche und offene Fragen hätte. Nach seinen eigenen Berechnungen ist bisher bspw. nur 4% der Materie im Universum überhaupt bekannt. Sollte man da nicht vielleicht ein wenig bescheidener werden? Doch solche Rätsel tun dem Absolutheitsanspruch der Schulwissenschaft keinen Abbruch. In ihren weltanschaulichen Überzeugungen ist sie so radikal bzw. intolerant, dass dies geradezug religiöse Züge trägt.

Religiöse Realität in Deutschland

Obwohl wissenschaftlicher Materialismus seit Jahrzehnten prägend im Bildungswesen und in anderen öffentlichen Bereichen ist, ist er offenbar nur sehr begrenzt in die Lebenswirklichkeit des „Durchnittsdeutschen“ eingezogen. In einer Bertelsmann-Studie aus 2008 bezeichnen sich 52% der Deutschen als religiös, 28% als atheistisch. Immerhin sind noch knapp 50 Millionen Kirchenmitglieder, auch wenn davon wiederum nur 3,6% regelmäßige Kirchgänger sind. Immer mehr Menschen „basteln“ sich ihren eigenen Glauben.

Bedürfnis nach Sinn

Brauchen Menschen vielleicht etwas, das ihrem Leben und Sterben eine höhere Bedeutung verleiht als die einer ein- und ausschaltbaren Bio-Maschine? Das scheint wohl der Fall zu sein, wie sonst zieht sich Religiösität so dominant durch alle Menschheitsepochen? Sie entspringt einem inneren Bedürfnis, auch im 21. Jahrhundert. Ist es erlaubt, dieses Bedürfnis nach so langer Zeit als „natürlich“ zu bezeichnen? Seit wann bringt die Natur Bedürfnisse hervor, die keinen realen Hintergrund haben? Gibt es also doch eine höhere geistige Existenz in diesem Universum, die das mystische Feuer in uns entfacht?

Eine Gesellschaft, die diesen Aspekt vernachlässigt, öffnet sich für dogmatisch-religiöse Ideologien aller Art, für Fanatismus und Sektierertum. Denn Bedürfnisse wollen beachtet werden. Das Problem: Religionen und viele mystische Traditionen sind überladen mit Dogmen und Aberglauben.

Rationale Mystik?

Traditionelle Religionen können diesem Wunsch nach tieferem Sinn und Bedeutung immer weniger gerecht werden, da ihnen im allgemeinen eine Menge historischer Ballast anhaftet. Allzu oft sträubt sich einfach der Verstand. Wir brauchen eine universale Philosopie über Mensch und Kosmos, die sich den Rätseln des Menschseins, seiner Vergänglichkeit und seiner Transzendenz rational nähert. Diese Philosophie soll positiv, lebensbejahend, in sich schlüssig sein – und auch an bekannten wissenschaftlichen Fakten messbar. Sie soll die tiefe Sehnsucht nach Höherem mit Sinn füllen und ihr Bedeutung verleihen. Dies wiederum bedeutet, dass sie erfahrbar sein soll und das Bewusstsein der Menschen in jeder Hinsicht positiv beeinflusst.

Mystik verbindet über alle Grenzen hinweg

Ist Mystik einmal von kulturellem Beiwerk befreit und als universale Bewusstseinserfahrung erlebbar gemacht, hat sie das Potential, als Bindeglied zwischen Menschen, über alle Kulturen und Traditionen hinweg, zu wirken. Denn sie öffnet die Tore zu der überpersönlichen Dimension jenseits individueller Ausprägungen. So schafft sie eine fundamentale Gemeinsamkeit.

Spiritualität in PROUT

Der PROUT-Begründer Sarkar war ein innovativer Philosoph, Mystiker und vehementer Kritiker reigiöser Dogmen. Indem er die Jahrtausende alten philosophischen Traditionen des indischen Kulturraums neu interpretierte, lieferte er eine theoretische Basis für ein rationales Verständnis von Mystik und Spiritualität. In seiner Philosophie beschreibt er den Menschen und seine Entwicklung im kosmisch-evolutionären Zusammenhang. Er macht verständlich, warum das Göttliche ein erfahrbarer Teil des innersten menschlichen Wesens ist. Sein gesellschaftliches Engagement war für ihn nur eine folgerichtige Erweituerung seiner spirituellen Weltsicht.

Dabei war er in jeder Hinsicht Pragmatiker: Er lehrte eine spirituelle Praxis (Meditation, Yoga-Asanas), die zu einem festen Bestandteil der PROUT-Bewegung weltweit geworden ist.